Bücher zum Thema

  • Ortschronik
    "Kirchentellinsfurt
    - Chronik eines Dorfes"

    von Andreas Heusel und
    Dr. Peter Maier
    (2007)

    Preis: 33,00 EUR




     

  • Kirchentellinsfurt in Bildern
    "Kirchentellinsfurt in Bildern
    - Das Dorf und seine Menschen im 20. Jahrhundert"

    vom Arbeitskreis Schlossmuseum
    (2008)

    Preis: 17,00 EUR

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    Jutta Frey

Ortsgeschichte

Das heutige Dorf Kirchentellinsfurt ist aus zwei Siedlungen zusammengewachsen: Kirchen (in alten Urkunden auch Kilchain, Kirihheim oder Kirchheim genannt) und "Tälisfurt". Das wichtigere, größere und wohl auch bedeutend ältere Kirchen entstand - wie uns sein Name verrät - im Anschluss an den ersten Bau einer Kirche, die von den Franken als ein Zentrum ihrer Herrschaft und als Mittelpunkt der Christianisierung nach der Unterwerfung Alemanniens um das Jahr 700 hier errichtet worden war. Der heilige Martin, dem die Kirche geweiht wurde, war der Lieblingsheilige der Franken und gilt den Historikern als ein sicheres Zeichen für das Alter (beinahe 1300 Jahre) der Kirche. Erstmals schriftlich genannt wird Kirchen zum Jahr 1007, als König Heinrich II. das Dorf dem neu gegründeten Bistum Bamberg schenkte.
Dass ausgerechnet der König selbst Eigentümer des Dorfes war, ist ein weiterer Beweis für die These, dass der strategisch wichtig gelegene Ort über einer Neckarfurt beim Zusammenfluss mit der Echaz einst von den fränkischen "Eroberern" angelegt worden war und als "Staatsgut" an die späteren Könige des Hl. römischen Reiches deutscher Nation kam. Da die Bischöfe von Bamberg ihr neues Dorf aus der Ferne nicht direkt verwalten konnten, belehnten sie damit die Grafen von Hohenberg, deren Herrschaftsmittelpunkt die Stadt Rottenburg war.

Die zweite Siedlung "Tälisfurt" wird erstmals 1275 genannt und dürfte aus nur wenigen Häusern einiger Fischer und eines Müllers bestanden haben. Dieser Weiler befand sich im 13. Jahrhundert im Eigentum der Pfalzgrafen von Tübingen, denen auch größere Grundstücke in Kirchen gehörten. Wegen finanzieller Schwierigkeiten verkauften die Pfalzgrafen ihre Güter gegen Ende des Jahrhunderts an die Reutlinger Familie Becht und an das Kloster Bebenhausen; ihre Herrschaftsrechte über den Ort kamen an die Grafen von Hohenberg, was zur "Vereinigung" mit dem Ort Kirchen führte. Von nun an wird der Name Kirchen meist für beide Siedlungen verwendet (wie noch heute in der Umgangssprache), erst im 16. Jahrhundert setzt sich "amtlich" der Name Kirchentellinsfurt durch.
Im Jahre 1381 schließlich verkauften die verarmten Grafen von Hohenberg mit ihrem ganzen Besitz in und um Rottenburg auch das Dorf Kirchentellinsfurt mit allen Rechten, Gerichtsbarkeiten, 17 großen Bauernhöfen und vielen Grundstücken an die Erzherzöge von Österreich, die ihrerseits die Höfe und die Dorfherrschaft als Lehen an adlige und geistliche Herren weitergaben. So teilten sich beispielsweise 1498 die Herrschaft über das Dorf der Erzbischof von Salzburg und die beiden Südtiroler Ritter Michael Wolkenstein und Cyprian von Sarntheim. Streitigkeiten zwischen den Ortsherren, Österreich, Württemberg und den rebellischen Kirchentellinsfurter Bauern nutzte um 1525 der Kanzler von Tirol und Vorderösterreich, Beatus Widmann, um nach und nach alle Herrschaftsrechte und die damit verbundenen Güter aufzukaufen. Aus dem österreichischen Dorf wurde eine Ritterschaft des deutschen Reiches im Ritterkanton Neckar-Schwarzwald, was Württemberg, das selbst ein Auge auf den großen Ort geworfen hatte, gegen Einräumung eines Vorkaufsrechtes und eines Veräußerungsverbots nach Reutlingen 1529 anerkannte.

Bei Österreich verblieb die formelle Lehenhoheit über die 17 Bauernhöfe, das diese bis 1806 weiter verlieh; so unter anderem an die Familie Widmann, an die Herzöge von Württemberg, an die Kirchentellinsfurter Familie Walker, an das Reutlinger Spital, an das Kloster Bebenhausen, die beide eine eigene Zehntscheune im Ort besaßen.

Hans Jakob Widmann von Mühringen, der seinem Vater als Ortsherr 1553 nachfolgte, baute das heute noch erhaltene Schloss und dokumentierte damit den festen Willen der Familie, im Ort sesshaft zu werden. Doch schon sein Sohn Hans-Christoph verkaufte 1594 alles, was ihm in Kirchentellinsfurt gehörte, an den Herzog von Württemberg: ein außerordentlich wichtiges und die Gegebenheiten des Ortes stark veränderndes Ereignis, denn die Kirchentellinsfurter wurden damit nicht nur württembergische Untertanen, sondern auch - 60 Jahre später als in den angrenzenden Dörfern - Protestanten. Noch heute erinnert eine große Tafel in der Martinskirche an die 1594 erfolgte Einführung der Reformation in Kirchentellinsfurt durch den evangelischen Herzog von Württemberg.

Von nun teilt das damals etwa 50 Häuser mit rund 400 Einwohnern umfassende Dorf die Geschichte Württembergs. Das Schloss - für die Ansprüche der württembergischen Herzöge zu bescheiden - wurde von diesen 1602 an ihren Forstmeister Peter Imhof veräußert, dessen Nachkommen es gegen Ende des 18. Jahrhunderts samt dem dazugehörenden Besitz an Kirchentellinsfurter Bauern verkauften.

Die Bauernbefreiung zum Beginn des 19. Jahrhunderts löste die Bewohner von der Leibeigenschaft und machte aus den einstigen "Pächtern" freie Eigentümer ihrer Güter und Höfe. Dass die Armut der Bevölkerung dadurch nicht viel verbessert wurde, beweisen die hohen Auswanderungszahlen in der Mitte des Jahrhunderts. Von 1849 bis 1858, also innerhalb eines Jahrzehnts, sank die Einwohnerzahl trotz der Geburtenexplosion um über 200 von 1526 auf 1325.

Sichtbares Zeichen einer neuen, modernen Zeit wurde für das Dorf, dem 1829 das Hofgut Einsiedel eingegliedert worden war, der Anschluss an das Eisenbahnnetz mit dem Bau des Bahnhofs 1861 und die dadurch initiierte Industrialisierung des Echaztals, die vor allem seit der Jahrhundertwende einen wirtschaftlichen Aufschwung des Dorfes einleitete.

Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde das Dorf von Zerstörungen zwar weitgehend verschont, doch ließen beinahe 200 Soldaten ihr Leben, 50 sind bis heute vermisst. 1945 entging das Dorf knapp einer Katastrophe, als wenige Tage vor Kriegsende deutsche Einheiten die Neckarbrücke sprengten, auf der Talstraße Panzersperren anlegten und das Dorf verteidigen wollten, was dann zum Glück unterblieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg vergrößerte sich der Ort rasch. Zählte man 1920 2.000 Einwohner, so waren es 1952 schon 3.000, 1966 4.000, 1990 4.900, heute rd. 5.600 Kirchentellinsfurter.

Dr. Wilfried Setzler